Sebastian Laurids F., Aufzeichnungen

Sebastian Laurids F., Aufzeichnungen

Der Mensch ist wie Wasser, er sucht sich den Weg

HamburgPosted by Sebastian 2015-09-05 14:52
Vielleicht kann der dreijährige Aylan Kurdi die ganze Menschheit wütend machen. Vielleicht kann ein totes Flüchtlingskind diese Schranken einreissen, die drinnen von draussen trennen. Aylan, dessen Oberkörper auf der einen, dessen Beine auf der anderen Seite dieser Linie zwischen den Fliehend-Anklopfenden und den Ruhig-Eingenisteten lagen.

Wo keine natürlichen Grenzen sind, baut Europa gegen die Flüchtlinge derzeit zwar künstliche. Aber es ist womöglich das letzte Aufbäumen gegen die Geschichte. Grenzen sind ein Relikt des 20. Jahrhunderts. Die Wirtschaft denkt global, wir kommunizieren um die Welt, wenn wir genügend Geld haben, fahren wir, wohin immer wir wollen. Menschen investieren heute in eine indische Stahlschmiede, morgen in einen baden-württembergischen Maschinenbauer, danach in ein kanadisches Solarprojekt. Politische Systeme sind dabei egal. Eine Parteiendiktatur macht ein Softwareunternehmen nicht unattraktiv, ein Militärmachthaber unterbindet keine Bauinvestition, ein autokratisches Königshaus hält nicht von Waffenlieferungen ab.

Dem werden Menschen folgen. Bald werden sie genauso uneingeschränkt international agieren. Alle. Nicht nur diejenigen, die es sich heute leisten können, sondern auch die, die nichts haben ausser ihr Hemd am Leib. Auch ihnen ist das System der Orte, an die sie wollen, sicher egal. Sie wissen nur, dass es dort allemal besser sein wird. Der Mensch ist wie Wasser, er sucht sich den Weg. Es ist sein Drang hin zum besseren. Wir sehen es heute. Es fährt kein Zug von Budapest nach Wien? Die Flüchtlinge laufen. Dreihundert Kilometer, vierhundert? Egal.

Zurzeit stehen da zwar noch harte Linien im Weg. Aber sie werden weich. Da können die Donald Trumps, Tony Abbotts und Viktor Orbans dieser Welt noch so hohe Zäune bauen. Noch ist ihnen das Hemd zwar näher als der Rock. Doch mit der angeblichen Verteidigung ihrer eigenen, alternden, demografisch nicht zukunftsfähigen Bevölkerung werden sie sich nicht gegen den Lauf der Welt stemmen können. Die Zaunbauer zählen darauf, dass der Mensch des Menschen Wolf bleibt, dass Teile der eigenen Bevölkerung Ressentiments oder Überdruss oder vermeintliche Angst haben, ja, sie zählen auch auf Rassismus.

Aber die Mehrheit ist anders. Sie weiss, was es heisst, frei zu sein und sich entfalten zu können. Und sie gönnt es denjenigen, denen es bisher nicht möglich war. Hilfsbereit, aufnahmefähig, «Refugees welcome» nicht nur als Floskel, sondern als Dogma. Europa als Gated Community wird der Vergangenheit angehören. Nicht morgen oder übermorgen. Aber bald.


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Bestimmung beendet

HamburgPosted by Sebastian 2015-08-23 20:33
Klar war sie am Ende etwas rauh an den Ecken und auch ein wenig abgewetzt. Andere haben schon lange genörgelt, sie sei nicht mehr gut für mich. Nicht die richtige, sagte meine Mutter. Aber das ist nicht der Grund, warum ich mich heute von ihr verabschiedet habe.

Nach mehr als langen sieben Jahren ist es eben einfach vorbei. Das erste mal hatte ich sie im Alexa gesehen. Dort bin ich seither nie wieder gewesen. Sie erinnerte mich damals an einen Sonnenuntergang im Urlaub, links und rechts Palmen – es war einfach nur ein kleines Gefühl. Dann wurden wir enger miteinander: Sie hing mir oft am Hintern, in Geldangelegenheiten hatte sie meine Vollmacht. Irgendwann, aber das dauerte schon einige Zeit, durfte ich unter ihre Oberfläche schauen. Dort war sie ganz weich, nicht so glatt wie zuvor.

Aber nun ist Schluss. Zugegeben: Es hatte sich schon seit einigen Monaten angekündigt. Zuletzt wurde sie ihrer Bestimmung kaum mehr gerecht. Da ging so einiges verloren, verschmerzlich zwar, aber dennoch. Ausschlaggebend war wohl, dass gestern eine neue in mein Leben trat.



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Olivia Jones ist Schuld

HamburgPosted by Sebastian 2015-08-14 23:06
Heute werden vis-à-vis wohl Günters «Warzen kräftig traktiert», hinter einem dieser Fenster des SM-Clubs Touch, dort drüben zwischen den Häuserwänden auf der anderen Strassenseite. Woher ich das weiss? Aus dem aufschlussreichen und überaus spezifischen Eintrag, den er im Online-Gästebuch des Clubs hinterlassen hat. Nach mehr als einem halben Jahr Kiezbleibe kann es ja nicht schaden, dachte ich mir, kurz zu erfahren, was hinter der nahen allnächtlichen Leuchtreklame so abgeht.

Aber warum ich überhaupt auf der Touch-Homepage herumklicke? Ganz einfach: Olivia Jones ist Schuld. Denn Deutschlands berühmteste Dragqueen und gefühlte Bezirk-St.-Pauli-Geschäftsführerin stakselt grob geschätzt dreimal am Abend mit einer Truppe Touristen aus Bottrop durch die Erichstrasse – und bleibt jedesmal vor dem Touch stehen. In unmittelbarer Küchen-Hörweite. «Das ist der älteste Sado-Maso-Club…» läuft dann der In-Fleisch-und-Blut-Sermon ab. Irgendwann fällt sicher auch ein an die Herren gerichtetes «Ihr Schlawiner» und das Angebot, gern die Gruppe zurückzulassen um reinzugehen. Drinnen könnte dann dem ein oder anderen Neugierigen, nunja, … und hier käme dann das Online-Gästebuch ins Spiel.

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Homepage 2.0

HamburgPosted by Sebastian 2015-08-14 22:01
Damals, als ich mir viele Zürcher Nächte um die Ohren schlug, um html-Tag an html-Tag auf den ftp-Client zu kleistern, sollte die Seite simpel sein. Schwarz-weiss, ohne farbiges Brimborium. Ein bisschen Mouse-Hover hier, ein wenig Wisch-und-weg da. Aber dann bei jedem Update: Wieder 38 Komponenten in den Code frickeln, was eigentlich in einzwei Klicks hätte erledigt sein sollen. Neue Fotos geschossen? Auf die Seite setzen? Ahh, morgen vielleicht, oder am Wochenende. Ein Mühsal. Schnell verlorene Lust, www.Mr.Fischer.ch dümpelte, selbst ich mochte nicht mehr hinschauen.

Nundenn, diesmal – god thanks the provider – ging es schneller, dafür auch bunter, aber immerhin steht die Seite nach dreivier Abenden. Vielleicht bleib ich diesmal dahinter, vielleicht auch nicht. Aber dann wäre es jetzt wenigstens nur für eine kleine Katz gewesen.


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