Sebastian Laurids F., Aufzeichnungen

Sebastian Laurids F., Aufzeichnungen

Beach House: «Wir denken nicht nach, niemals.»

MusikPosted by Sebastian 2015-08-31 11:48
Nach ihren jüngsten Alben wurde der Hype um die US-Dream-Popper von Beach House enorm angefeuert. Für «Depression Cherry» drehen Sängerin Victoria Legrand und Bassist Alex Scally die Flamme wieder etwas zurück. Ich habe mit Scally gesprochen: Popsongs schreiben, meint er, sei auch weiterhin keines ihrer Anliegen.


Knapp zehn Jahre nach eurem Debütalbum ist «Depression Cherry» die fünfte Platte. Geht ihr jetzt anders an die Arbeit heran?

«Zugegeben: Wie wir schreiben und aufnehmen – es ist ganz ähnlich wie damals. Das einzige was sich verändert hat, ist, dass wir uns nun ein wenig mehr Zeit nehmen. Wir arbeiten akribischer, weil wir gewachsen sind. Natürlich haben wir uns verändert, als Menschen und als Künstler. (...) Aber wie wir zusammenarbeiten ist eigentlich gleich geblieben. Da ist kein großer Unterschied zwischen damals und heute.»

In der Ankündigung zum Album heißt es, ihr würdet mit der Platte zurück zu den Wurzeln gehen. Was bedeutet das genau?

«Ja, das ist ein bisschen dumm gelaufen. Wir haben unsere eigene Biografie geschrieben und dabei keinen besonders guten Job gemacht. Überhaupt nicht. Nein, wir entwickeln uns. Aber wir versuchen dabei immer möglichst natürlich zu sein. Wir waren des Sitzens müde, also sind wir aufgestanden. Ein Beispiel: Erst hatten wir einen Schlagzeuger, der bei unseren Auftritten die Beats gespielt hat. Infolgedessen hatten wir auf der nächsten Platte einen Drummer. Dann ging uns das Schlagzeug auf die Nerven, also haben wir es wieder weggelassen. So entwickeln wir uns weiter.»

In den vergangenen Jahren – vor allem nach eurer dritten Platte «Teen Dream» – sind die Erwartungen an Beach House immer weiter gestiegen. Wie geht ihr damit um?

«Eigentlich merken wir es nur jetzt, in diesem Moment, wenn das Release und die Tour bevorstehen. Tatsächlich versuchen wir, solche Gedanken möglichst zu ignorieren. (...) Wir fühlen keinen Druck. Wir haben das große Glück, dass wir in der Lage sind, hart zu arbeiten und damit unser Leben zu bestreiten; dass Leute kommen, um uns zu sehen, und einige auch unsere Platten kaufen; dass wir keinen anderen Job brauchen, um diese Band am Leben zu halten. Wir sind unglaublich glücklich darüber. Aber wir wissen auch, dass es in jeder Sekunde vorbei sein kann.»

Aber euer Publikum ist ja zuletzt immer größer geworden ...

«Wir lieben unsere Fans so sehr. Ich glaube nicht, dass jemand eines unserer Konzerte mit 2000 anderen Menschen genießen würde – gerade bei einer Band wie Beach House. Wir hatten hin und wieder solche Shows, aber den Leuten hat es nicht gefallen. Sie wollen lieber einen Gig mit 500 oder 1000 Menschen spielen. (...) Klar könnte man weitermachen und immer größer werden. Für uns würde es dann aber wahrscheinlich abwärts gehen, weil wir kein Interesse daran haben, Singles oder Popsongs zu schreiben. Es geht eben in die Richtung, in die es gehen soll. Und dabei werden wir Spaß haben und zu uns selbst stehen.»

Kommen wir zur Musik auf «Depression Cherry». Woher entspringt euer Sound?

«Wir haben diesen Ort, wo wir proben: Für mich ist er wie eine Kirche. Er ist voller Orgeln und Keyboards, die wir über die Jahre angesammelt haben. Zum Großteil nur Krimskrams. (...) Der Sound dieser Instrumente inspiriert uns, das Gefühl, das daraus erwächst. Ich habe keine Ahnung, woher die Klangfolgen kommen oder wie die Texte aus Victorias Gedanken plätschern. Warum das alles passiert, oder warum ich gerade die kitschigen Beats dieser Maschinen mag. Es ist einfach natürlich. Wir denken nicht nach, niemals. Ich muss das unterstreichen: Wir. Denken. Nie.»

Und trotzdem entstehen dabei Songs?

«Wir erlauben uns einfach, Dinge zu fühlen. Wir sind nicht bemüht. Wir versuchen nicht, wie etwas zu klingen. Wir sind einfach nur da. Das ist die ganze Motivation hinter der Platte. Anders kann ich das nicht erklären. Es sind einfach wir. Wir gehen nicht hin und sagen: Lass uns einen Trennungssong schreiben. Wir nehmen Dinge so, wie sie kommen.»

Apropos Gefühl – eure Platte hat auch eine haptische Komponente. Das Cover besteht aus rotem Samt. Wie kam es dazu?

«Wir wollten kein Bild haben, weil Bilder immer eine Geschichte erzählen. (...) Sie würden das Abstrakte ruinieren. Aber genau darin wollen wir arbeiten und leben. In diesem Fall also steht der rote Stoff allein für das, was man empfindet. Man hält ihn in der Hand, berührt ihn – und er erweckt ein Gefühl. Es soll vermitteln, wie wir unsere Musik erleben.»

Zur Plattenrezension: Hier entlang.
Foto: Shawn Brackbill/Pias Germany

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